Origin Visit Colombia

Ursprungsreise Kolumbien

Von Christoph Sauser

Zeit in Kolumbien mit Valentina (Siruma Coffee) zu verbringen und unsere Kaffeebauern zu besuchen, ist so wertvoll! Mitten im Herzen der kolumbianischen Kaffeewelt zu sein ist unglaublich bereichernd und eine grossartige Lernerfahrung. Nichts kommt dem Gefühl gleich, den Kaffee direkt auf den Farmen und in den Kooperativen zu spüren, zu riechen und natürlich zu konsumieren.

Horizonte Coffee entstand mehr oder weniger daraus, dass ich Valentina während meiner ersten Velo-Reise in Kolumbien kennengelernt habe. Das war direkt nach meinem Rücktritt vom Radsport, als ich nach neuen Möglichkeiten –oder besser gesagt Herausforderungen– suchte. Valentina hatte gerade Siruma Coffee gegründet und exportierte Spezialitäten-Kaffee. Ich sah das Potenzial gemeinsam mit ihr etwas Besonderes auf die Beine zu stellen und gleichzeitig die Welt des Kaffees zu entdecken. Inzwischen hat Valentina selbst Feuer fürs Velofahren gefangen und ist total begeistert davon, in Manizales mit dem Rad unterwegs zu sein und die lokale Radsportszene zu geniessen.


- Valentina Duque - Siruma Coffee.

In Valentinas neuem Büro, in dem sie mittlerweile 15 Mitarbeitende beschäftigt, habe ich viele traditionelle Geschmacksprofile gecuppt, dazu einige verrückte, funky co-fermentierte und hefefermentierte Kaffees. 


- Kaffee-Cupping (Verkosten und Bewerten).

Auf unseren anschliessenden Bauernbesuchen war auch Jerry dabei, ein neu eingestellter Agronom bei Siruma. Er hat einen enormen Einfluss auf die Bauern und hilft ihnen mit seinem Wissen, Ertrag und Qualität zu steigern und gleichzeitig die Kosten zu senken. Am Ende profitieren nicht nur die Bauern davon, sondern auch wir Röster – und dieser Kreislauf ist vermutlich der nachhaltigste von allen. «Geben und Nehmen …!»

- Jerry, Valentina and ich.

Mein Besuch fand Ende Juli statt, zu Beginn der Haupternte welche bis November dauert (und je nach Region manchmal bis in den Dezember hineinreicht). Diese Haupternte macht den grössten Teil der Jahresproduktion aus – typischerweise rund 75 % der Gesamtmenge. Die Nebenernte läuft von April bis Juni und macht die restlichen 25 % aus.

Als wir eine Kooperative besuchten, brachten die Bauern bereits die ersten Kaffeesäcke und sie wurden sofort in bar bezahlt – basierend auf Qualität und Marktpreis. Das ist keineswegs selbstverständlich. Wenn man zum Beispiel Avocados verkaufen will (viele Kaffeebauern bauen auch Avocados an), wird man erst Wochen später und in Raten bezahlt und der Markt ist sehr volatil.

- Die Kooperative bezahlt den Bauern direkt vor Ort.

Siruma investiert gemeinsam mit Falcon Coffee (einem Rohkaffeehändler aus Grossbritannien, der mit Siruma und auch uns zusammenarbeitet) in verschiedene Projekte zur Unterstützung von Kleinbauern und ihren Familien – nicht nur mit Wissen, sondern auch mit Infrastruktur. Es war super spannend, die ersten Solarbeete zu sehen. Nach dem Pflücken und dem Entfernen der Fruchthaut werden die Bohnen gewaschen und im Wasser fermentiert und müssen danach getrocknet werden, normalerweise auf einer offenen Terrasse. Da der Kaffee meist an steilen Hängen mit häufigem, unvorhersehbarem Regen wächst, besteht beim Trocknen im Freien die Gefahr von Schimmel und Verderb. Diese Solarbeete lösen das Problem: Erhöhte Netzflächen unter einer gewächshausartigen Abdeckung schaffen ein geschütztes Trocknungs-Mikroklima.


- Solar Bett.

Es war auch das erste Mal, dass ich miterlebt habe, wie das Wasser nach dem Waschen/Fermentieren des Kaffees gefiltert wird. Nach dem Fermentationsprozess ist das Wasser sauer und zuckerreich; unbehandelt entzieht es den Bächen den Sauerstoff und tötet Wasserlebewesen. Durch das Filtern wird es wieder nutzbar, die Bauern bleiben zertifizierungskonform und der übrig gebliebene Fruchtbrei wird zu Kompost. Nach kolumbianischem Recht sind die Bauern verpflichtet das Wasser zu filtern, doch solche Anlagen sind teuer und die meisten Kleinbetriebe können sich diese Investition nicht leisten – also fliesst das Wasser ungefiltert in die Bäche. Diese Praxis wird von den Behörden geduldet, denn sonst würde die Existenz Tausender Kleinbauern infrage gestellt.

- Nachernte-Filter.

Einer der ersten kolumbianischen Bauern, mit denen wir 2019 zu arbeiten begannen, war Jhony Melo. Damals hatte er gerade eine kleine Parzelle von seinem Vater übernommen die er zuvor bewirtschaftet hatte. Wir kauften einen kleinen Teil seiner ersten Ernte in jenem Jahr. Heute führt Jhony die gesamte Farm und es war so schön ihn wiederzusehen und zu erleben wie gut er vorankommt. Er hat inzwischen eine kleine aber moderne Aufbereitungsstation, nutzt das Wissen des Agronomen Jerry, um Ertrag und Qualität zu steigern, baut verschiedene Varietäten an und fährt immer auch viel Velo :-) Der Grossteil unseres kolumbianischen Kaffees für 2027 wird von Jhony kommen, und wir freuen uns jetzt schon darauf, seine Säcke in der Rösterei zu empfangen.

- Zusammen mit Jhony.

- Neue Nachernte-Anlage von Jhony

Eine der schönsten Farmen die wir besucht haben, war jene von William Tapasco, hoch oben (wie in Kolumbien üblich) in den Bergen über Riosucio auf einem Bergkamm gelegen.

- Williams Familienfarm.

Nach einem Spaziergang durch die Kaffeefelder – zwischen Ananas, Bananen, Gemüse, zahlreichen Hühnern und drei Hunden – führten wir ein langes Gespräch mit der ganzen Familie, Grosseltern inklusive.

- Ein Gespräch zwischen drei Generationen.

- Grossmutter.

- Kaffeebauern leben oft weitgehend als Selbstversorger.

Sie interessierten sich auch sehr für das Leben der Schweizer Bauern, für deren Herausforderungen und die Unterschiede zu Kolumbien. Die meisten kleinen Kaffeebauern in Kolumbien haben kein Auto, nur ein Motorrad um ins Dorf zu fahren. Die Kinder gehen zu Fuss zur Schule oder werden  wenn sie Glück haben auch manchaml mit einem kolumbianischen Jeep mitgenommen. Wir spürten, dass William sich manchmal fragt, wie das Leben in der Stadt wohl wäre – denn Kaffeeanbau ist kein einfacher Job: Der Zugang zu Chancen und medizinischer Versorgung ist begrenzt und auf der Farm kämpft man täglich mit dem Wetter, den Marktpreisen, dem Kaffeerost (ein Pilz auf den Blättern) und dem Kaffeekirschenkäfer (ein Käfer, der sich in die Kaffeekirschen bohrt, um dort seine Eier abzulegen und die Bohnen im Inneren zerstört).

Dünger wie Phosphor und Stickstoff sowie die Kalkzufuhr zur Neutralisierung saurer Böden sind ein grosses Thema. Genaue Bodenanalysen können die Produktion stark steigern – und die Investition in diese Mittel lohnt sich dadurch.

- Ein Blick über die Familienfarm der Großeltern und von William.

Wir konnten spüren, dass William und seine Familie in ihrem kleinen Kaffeekönigreich glücklich sind und sich nicht in einer Stadt niederlassen möchten.

Nur wenige Tage nach unserer Abreise wurde Kolumbien von einem schweren Erdbeben getroffen, mit sehr grossen Zerstörungen in unserer Kaffeeregion. Zum Glück ist niemand aus unserem Umfeld schwer zu Schaden gekommen, doch die Zerstörung ist immens. 

Wir wünschen allen Betroffenen von Herzen alles Gute und viel positive Energie – neben einer Spende das Mindeste, was wir von zu Hause aus tun können.

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